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Faktencheck: Der Wald stirbt sowieso?

Faktencheck: Der Wald stirbt sowieso?

Geprüft am 05.11.2026. Anlass: eine Behauptung, die in sozialen Medien, in Leserbriefen und in Diskussionen um Windkraft im Wald immer wieder auftaucht, zuletzt auf einer viel geteilten Grafik. Sinngemäß: Der Wald stirbt wegen der Klimaerwärmung ohnehin, Windräder im Wald retten ihn, und die Rodung fällt nicht ins Gewicht.

Kurz gesagt: Der Wald in Deutschland stirbt nicht. Die Waldfläche wächst, eine neue Baumgeneration steht auf drei Millionen Hektar, und die Zahl abgestorbener Bäume ist 2025 auf 0,3 Prozent gefallen. Ein Windrad spart auf dem Feld genauso viel CO2 wie im Wald. Im Wald kostet es zusätzlich Wald, und es reißt das Kronendach auf, das den Wald durch Hitze und Dürre bringt.

Die Behauptungen im Überblick

Behauptung Ergebnis
Der Wald stirbt wegen der Klimaerwärmung sowieso Falsch
Seit 2017 haben wir 8,5 Prozent unserer Wälder verloren Verkürzt
Windräder im Wald schützen den Wald Nicht belegt
Wer ein Windrad im Wald verhindert, lässt Wald sterben Falsch
Der Flächenbedarf ist minimal Verkürzt
Auf einen Wald, der sowieso stirbt, kommt es nicht an Falsch

„Der Wald stirbt sowieso"

Falsch

Die Waldfläche wächst

Die Bundeswaldinventur ist die amtliche Vollerhebung des Waldes, alle zehn Jahre. Ergebnis 2022: „Einerseits gibt es in Deutschland seit 2012 etwas mehr Waldfläche, es stehen mehr Laubbäume in den Wäldern und die Naturnähe nimmt langsam, aber beständig zu." Die Waldfläche hat um 15.000 Hektar zugenommen, auf 11,5 Millionen Hektar.

Für Baden-Württemberg schreibt die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt des Landes (FVA): „Eine Entwaldung findet, anders als dies vielleicht laufende EU-politische Prozesse andeuten, in Baden-Württemberg nicht statt. Die Waldfläche ist zudem nicht nur nominell konstant, sie ist auch in der Landschaft weiterhin als Wald erkennbar." Größere kahle Flächen haben die Aufnahmetrupps im Land „nur selten gefunden".

Der junge Wald ist schon da

„Auf rund drei Millionen Hektar Wald wächst bereits eine neue Generation an Bäumen heran. 91 Prozent davon sind auf Naturverjüngung zurückzuführen." (Thünen-Institut) Mischwälder machen 79 Prozent der Waldfläche aus, der Laubbaumanteil ist von 43 auf 47 Prozent gestiegen. In Baden-Württemberg waren 76 Prozent der Schadflächen im Körperschafts- und Privatwald zum Befragungszeitpunkt wieder bestockt.

Das Sterben geht zurück

Die Absterberate gibt an, welcher Anteil der Stichprobenbäume seit der letzten Erhebung abgestorben ist. Sie lag 2020 so hoch wie nie seit Beginn der Erhebungen.

2024 2025
Deutschland, alle Baumarten 0,86 % 0,3 %
Baden-Württemberg 0,5 % 0,3 %

Bei der Fichte, der am stärksten betroffenen Baumart, sank die Absterberate 2025 auf 0,64 Prozent. Das Land schreibt zur eigenen Erhebung 2025 von einer leichten Verbesserung des Kronenzustands „im dritten Jahr in Folge". Die mittlere Kronenverlichtung liege „erstmals wieder unter dem Schadniveau des Trockenjahres 2018". Die Pressemitteilung dazu trägt den Titel „Gutes Jahr für den Wald".

Bund und Land investieren in den Wald

Der Bund hat 2025 über das Programm Klimaangepasstes Waldmanagement rund 146 Millionen Euro ausgezahlt, für über 1,7 Millionen Hektar. Ab 2027 sind es 200 Millionen Euro im Jahr. Baden-Württemberg hat von 2018 bis 2022 mehr als 83 Millionen Euro für Waldbesitzer und Wiederbewaldung ausgezahlt. Wer Wald besitzt, muss Kahlflächen wieder bewalden. Niemand finanziert die Zukunft eines Waldes, den er für verloren hält.

Wo Wald stirbt, wächst Wald

Im Nationalpark Bayerischer Wald haben Sturm und Borkenkäfer ab den 1990er Jahren große Fichtenflächen absterben lassen. Eingegriffen wurde nicht. Heute schreibt die Nationalparkverwaltung: „Rund 80 Prozent der Fläche weist junge Bäume auf. Und mit durchschnittlich 7400 Pflanzen pro Hektar ist die Verjüngungsdichte im Nationalpark sehr hoch." Abgestorbener Wald bleibt Wald. Eine Fläche für ein Fundament nicht.

„Seit 2017 haben wir 8,5 Prozent unserer Wälder verloren"

Verkürzt

Die Zahl stammt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Gemessen wurde Kronendachverlust per Satellit, nicht Waldverlust. Das DLR schreibt selbst, dass darin „die reguläre, aber auch die schadgetriebene Holzernte" steckt und dass „ein möglicher Wiederbewuchs [...] in den Karten nicht berücksichtigt" ist. Die amtliche Inventur kommt im selben Zeitraum auf mehr Wald, nicht auf weniger.

„Windräder im Wald schützen den Wald"

Nicht belegt

Das Klima kennt keinen Standort

Ein Windrad spart CO2 über den Strom, den es erzeugt. Wo es steht, spielt dafür keine Rolle. Auf dem Feld spart es genauso viel wie im Wald. Ein Windrad im Wald rettet also keinen einzigen Baum mehr als dasselbe Windrad anderswo. Es kostet aber Wald, den es anderswo nicht kostet. Eine Quelle, die einen eigenen Nutzen gerade des Waldstandorts für den Wald belegt, ist uns nicht bekannt.

Was den Wald durch Hitze und Dürre bringt

Die Forschung ist hier eindeutig: Ein geschlossenes Kronendach ist der beste Schutz, den ein Wald gegen Hitze hat.

  • Unter geschlossenem Kronendach liegen die Höchsttemperaturen im Mittel rund 4 °C unter denen im Freiland. Je heißer es draußen ist, desto stärker puffert der Wald (De Frenne et al. 2019, Nature Ecology & Evolution).
  • „Wird das Kronendach um 10 % geöffnet, steigen die durchschnittlichen Höchsttemperaturen um ungefähr ein halbes Grad Celsius." Und: „Höhere Biomassevorräte und ein geschlossenes Kronendach sind eine Versicherung gegen extreme Witterungen." (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, 2021)
  • Waldränder sind wärmer und trockener als das Innere. Der Unterschied reicht bis zu 100 Meter in den Bestand, Randzonen sind anfälliger für Hitzeextreme und Trockenstress (Meeussen et al. 2021, 225 Messflächen in Europa).
  • Steile Bestandesränder bieten „Wind und Käfern immer wieder geeignete Angriffsflächen", neu freigestellte Bäume werden bei hohem Käferdruck „bevorzugt befallen" (Eidgenössische Forschungsanstalt WSL, waldwissen.net).
  • Nach einer Rodung braucht das Mikroklima rund 54 Jahre, bis es wieder das Niveau alter Bestände erreicht (Máliš et al. 2023).

Ein Windpark im Wald braucht Fundamente, Kranstellflächen, Montageflächen und Kilometer an Wegen. Jeder Meter davon ist ein neuer Waldrand.

„Wer ein Windrad im Wald verhindert, lässt Wald sterben"

Falsch

Ein Windrad, das nicht im Wald gebaut wird, ist nicht verhindert. Es kann an einem anderen Standort stehen und spart dort dasselbe CO2. Die Wahl lautet nicht „Windrad oder toter Wald", sondern „Windrad im Wald oder Windrad anderswo". Wer einen gesunden Wald vor der Rodung bewahrt, lässt keinen Wald sterben. Er sorgt dafür, dass er stehen bleibt.

„Der Flächenbedarf ist minimal"

Verkürzt

Die Fachagentur Wind und Solar wertet seit 2011 die Waldflächen aus, die Windenergieanlagen beanspruchen. In der Auflage vom März 2026 nennt sie folgende Werte:

Durchschnitt aller erfassten Anlagen 1,1 ha je Anlage
Rotorklasse 170 bis 175 m (heute gebaut) 1,39 ha je Anlage
Genehmigungen 2025 1,35 ha je Anlage

Die Zuwegung im Wald ist darin kaum enthalten. In Baden-Württemberg steht jede zweite Windenergieanlage im Wald, 2025 entfielen drei Viertel des Zubaus auf Waldstandorte. Was nicht in der Fläche steht: die neuen Ränder, an denen der Bestand austrocknet, und der Boden. Befahrene und verdichtete Waldböden leiten Wasser im Mittel 40 Prozent schlechter, im Unterboden 55 Prozent (Nazari et al. 2021). Auf Standorten in Baden-Württemberg reichten fast vier Jahrzehnte nicht, um die Bodenfunktion wiederherzustellen (Schäffer 2022).

„Auf einen Wald, der sowieso stirbt, kommt es nicht an"

Falsch

Das Landeswaldgesetz verlangt vor jeder Umwandlung von Wald eine Abwägung. § 9 Abs. 2 LWaldG: „Die Genehmigung soll versagt werden, wenn [...] die Erhaltung des Waldes überwiegend im öffentlichen Interesse liegt, insbesondere wenn der Wald für die Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts, die forstwirtschaftliche Erzeugung oder die Erholung der Bevölkerung von wesentlicher Bedeutung ist."

Gewogen wird also der konkrete Wald mit seinen Funktionen, nicht ein Durchschnittswald, der anderswo Schaden genommen hat. Der Ochsenhau ist in der Waldfunktionenkartierung als Erholungswald der Stufe 1b ausgewiesen, der höchsten Stufe außerhalb der Verdichtungsräume, und als Sonstiger Wasserschutzwald. Wasserschutzwald „sichert und verbessert die Qualität des Grundwassers sowie stehender und fließender Gewässer, die Stetigkeit der Wasserspende und vermindert die Gefahr des Entstehens von Hochwasser" (Leitfaden Waldfunktionenkartierung).

Wie viel Wald Windenergieprojekte im Land kosten, wird dabei nicht zusammengezählt. Das Landwirtschaftsministerium (MLR) schrieb uns am 20.08.2026: „Eine Bilanzierung bzw. Berichterstattung der Waldstrategie hinsichtlich Windenergieprojekten ist nicht vorgesehen."

Quellen

Alle Faktenchecks und wie wir prüfen · Hinweise und Korrekturen: info@ochsenhau.de

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